Brennbare Kältemittel im Fokus der DIN EN 378
Praxisrelevanz vom Entwurf der DIN EN 378
Die DIN EN 378 ist das zentrale sicherheitstechnische Regelwerk für Kälteanlagen und Wärmepumpen in Europa und legt Anforderungen an Personen‑ und Sachschutz sowie an den Umweltschutz über den gesamten Lebenszyklus von Anlagen fest. Für Planer, Anlagenbauer und Betreiber von Großanlagen im Maschinenraum ist die DIN EN 378 ein unverzichtbares Werkzeug, um Haftungsrisiken zu begrenzen und eine normkonforme Auslegung nachweisen
zu können. Die Normenreihe wird derzeit umfassend überarbeitet. Für die Teile 1, 2, 3 und 5 der DIN EN 378 liegt seit Juli 2025 ein neuer europäischer Normentwurf (prEN 378) vor, der bis zum 30. Juli 2025 öffentlich kommentiert werden konnte und nun in die Überarbeitung gegangen ist. Da es sich um eine umfangreiche Überarbeitung mit strukturellen Änderungen und neuen Begrifflichkeiten handelt, ist mit einer Veröffentlichung als Weißdruck frühestens
2026 zu rechnen.
Besondere Relevanz für Großwärmepumpen und Kälteanlagen
Die Norm DIN EN 378 umfasst alle Kälteanlagen und Wärmepumpen und damit alle Kältemittelkreisläufe in ihrem Anwendungsbereich. Sie definiert grundlegende Anforderungen an Konstruktion, Herstellung, Aufstellung, Betrieb und Instandhaltung von Kälteanlagen und Wärmepumpen und wird in Deutschland als anerkannte Regel der Technik herangezogen. Mit der laufenden Überarbeitung reagiert das Normungsgremium auf den verstärkten Einsatz brennbarer und toxischer Kältemittel sowie auf neue regulatorische Rahmenbedingungen, etwa im Bereich Druckgeräte‑ und Maschinenrecht.
Da dieses Thema besonders für Großwärmepumpen wichtig ist, sei auf den Bericht zur VDI 4646 hingewiesen und das Webinar, welches am 18.09.2026 stattfindet.
Strukturwandel: Von Füllmengen zu mrc und extrinsischem Design
Die Überarbeitung verschiebt den Schwerpunkt im Umgang mit brennbaren Kältemitteln: Weg von starren Füllmengengrenzen in Tabellen hin zu einer risikobasierten Betrachtung der freisetzbaren Kältemittelmenge (releasable charge, mrc) und der Sicherheitsgrenze der Kältemittelmenge (msl). Statt ausschließlich über „intrinsische“ Füllmengenlimits zu arbeiten, rückt das sogenannte extrinsische Konstruktionsverfahren für große Anlagen im Maschinenraum in den Vordergrund, bei dem technische Schutzmaßnahmen am Aufstellungsort maßgeblich sind.
Für brennbare Kältemittel der Klasse A3, wie bspw. Isobutan (R600a), entfallen in bestimmten Kombinationen aus Standortklasse III und Zugangskategorie c die bisherigen Tabellenobergrenzen, sofern der Maschinenraum die neuen Anforderungen an Explosionsschutz, Lüftung und Leckageminderung vollständig erfüllt.
Die zulässige Gesamtfüllmenge ergibt sich damit mittelbar aus der nachzuweisenden Begrenzung der freisetzbaren Menge mrc, die entweder rechnerisch oder durch Prüfungen nach normativen Anhängen (u. a. H, I, K, L) bestimmt wird.
Brennbare Kältemittel im Maschinenraum

Isobutan Molekühl
Bei hochentzündlichen Kältemitteln verlangt der Entwurf eine systematische Gefahrenbereichsklassifizierung des Maschinenraums als explosionsgefährdeten Bereich nach EN IEC 60079‑10‑1. Dies betrifft insbesondere Anlagen mit großen Verdichtern und komplexen Rohrleitungsnetzen, in denen sich Kältemittel aufgrund der höheren Dichte gegenüber Luft in Bodennähe ansammeln kann. Zu den wesentlichen Maßnahmen zählen die Vermeidungformationen von Zündquellen in potenziell gefährdeten Bereichen, Begrenzungen der maximalen Oberflächentemperaturen der Anlagenteile.
Heiße Oberflächen dürfen eine Temperatur von 100 K unter der Selbstentzündungstemperatur des Kältemittels (oder 80 % der Temperatur in °C) nicht überschreiten. Sollte der Maschinenraum unterirdisch installiert sein, gelten für brennbare Kältemittel zusätzliche Anforderungen nach prEN 378-1, 7.6. In diesem Fall muss entweder mrc um ein Drittel reduziert werden (0,67×F) oder der Raum muss über eine unabhängige mechanische Belüftung
von mindestens 4 Luftwechseln pro Stunde verfügen, zusätzlich zu den Luftwechseln, die zur Einhaltung von 7.5.2 verwendet werden.
Kältemittelerkennung und Dichtheit
Kältemittelerkennungssysteme erhalten im prEN 378‑2 einen klareren normativen Rahmen; bei Verwendung müssen sie künftig der neuen prEN 14624:2025 entsprechen. Für brennbare A3‑Kältemittel werden Detektoren zu einem zentralen Bestandteil des Schutzkonzeptes, da sie die Auslösung von Notlüftung,
Abschaltung und anderen Sicherheitsfunktionen unterstützen. Parallel dazu wurden die Anforderungen an die Dichtheitsprüfung in Abschnitt 6.3.3
verschärft und präzisiert. Für Anlagen mit niedrigem Treibhauspotenzial (GWP < 150), wie R717 und R600a, fordert der Normentwurf u.a. den Nachweis „keiner Leckage“ mit Nachweisgeräten einer Empfindlichkeit von 10-4 Pa m³/s oder besser (z. B. Schaummittel oder Leckagesuchspray), durchgeführt
vor der Befüllung mit Kältemittel und bei mindestens maximal zulässigem Druck (PS).
Eine Dichtheitsprüfung hat im Werk sowie für alle am Aufstellungsort hergestellten Abschnitte der Kälteanlage zu erfolgen.

Isobutan Wärmepumpe mit Schraubenverdichter (Quelle: 2G Energy AG)
Schutz von Rohrleitungen und Ermüdungsbewertung
Ein inhaltlich neuer Schwerpunkt liegt auf dem Schutz von Rohrleitungen gegen Schwingung und Ermüdung, der in prEN 378‑2:2025 durch einen eigenen Abschnitt 6.3.5 und einen informativen Anhang zur Ermüdungsprüfung abgebildet wird. Rohrleitungen müssen so gestaltet und gestützt werden, dass
übermäßige Schwingungen – etwa durch Verdichterpulsationen oder Druckstöße – vermieden oder ausreichend reduziert werden.
Treten in Großanlagen erfahrungsgemäß relevante Schwingungen auf, ist eine formale Bewertung der Rohrleitungsanordnung erforderlich, die entweder im Rahmen einer Baumusterprüfung oder während der Inbetriebnahme vor Ort erfolgt. Der neue Anhang (K/L) definiert Akzeptanzkriterien für Schwingungspegel und fordert bei langen Rohrleitungen (L > 5×DN) eine Ermüdungsanalyse, die sich u. a. an EN 14276‑2 orientiert, um eine ausreichende Lebensdauer bei mindestens 107 Lastwechseln zu belegen.

Rohrleitungsaufhängung Industrie
Praktische Konsequenzen für Wärmepumpen mit R600a
Für Isobutan‑Wärmepumpen mit großen Verdichtern im Maschinenraum ergeben sich aus dem Entwurf mehrere konkrete Konsequenzen. Erstens müssen Konstrukteure künftig formal dokumentieren, dass Rohrleitungen gegen Ermüdung geschützt sind, einschließlich einer Bewertung kritischer Schwingungspunkte und der Wirksamkeit von Halterungen und Kompensatoren.
Zweitens rückt die Berechnung bzw. Ermittlung der freisetzbaren Kältemittelmenge mrc ins Zentrum der Auslegung, weil die bisher niedrigen Schwellenwerte für Maschinenräume der Standortklasse III, Kategorie c formal entfallen.
Drittens verschärfen sich für A3‑Kältemittel die Anforderungen an Explosionsschutz, Detektion, Notlüftung und die Berücksichtigung der Gasdichte bei der
Positionierung von Sensoren und Abluftöffnungen. Für Planer und Betreiber bedeutet die Überarbeitung der DIN EN 378 zwar einen höheren Aufwand bei Nachweisen, Berechnungen und Dokumentation, zugleich eröffnet der neue Ansatz aber mehr Flexibilität und Planungssicherheit für große Anlagen mit brennbaren Kohlenwasserstoffen. Wer Wärmepumpen und Kälteanlagen mit brennbaren Medien zukunftssicher auslegen will, sollte den Entwurf der prEN 378‑Teile 1, 2, 3 und 5 bereits jetzt in interne Standards, Berechnungstools und Spezifikationen einfließen lassen.
In Kürze erscheint ein weiterer Beitrag zum Thema „Toxische Kältemittel B2L-Strukturwandel in der DIN EN 378
für Maschinenräume“.
VDI 4646 Webinar am Freitag, 18.09.2026
Die neue VDI 4646 „Planung und Dimensionierung von Großwärmepumpenanlagen“ ist seit dem 1. Mai 2026 als Weißdruck verfügbar. Sie schafft erstmals eine umfassende methodische Grundlage für die Planung, technische Bewertung und wirtschaftliche Einordnung von Großwärmepumpensystemen.
In diesem ganztägigen Live-Webinar lernst du, wie die Richtlinie in der Praxis angewendet wird – von der Ermittlung geeigneter Wärmequellen und Wärmesenken über die Vorplanung bis zur energetischen, wirtschaftlichen und ökologischen Bewertung.
Nach aktuellem Kenntnisstand handelt es sich um das erste in Deutschland angebotene Webinar zur neuen VDI 4646.
Besonderes Highlight: Pinch-Analyse mit Dr. Franz Lanzerath
Ein besonderer Schwerpunkt des Webinars ist die Pinch-Analyse, vorgestellt von Dr. Franz Lanzerath von TLK Energy.
Die Pinch-Analyse ist ein wichtiges Werkzeug zur systematischen Untersuchung industrieller Wärme- und Kälteströme. Sie hilft dabei,
• nutzbare Abwärmepotenziale zu identifizieren,
• Wärmequellen und Wärmesenken sinnvoll miteinander zu koppeln,
• geeignete Temperaturniveaus für Großwärmepumpen zu bestimmen,
• den zusätzlichen Energiebedarf zu minimieren und
• technisch sowie wirtschaftlich geeignete Systemkonzepte zu entwickeln.
Damit geht das Webinar über eine reine Vorstellung der Richtlinie hinaus und zeigt, wie industrielle Energiesysteme strukturiert analysiert und optimiert werden können.
Inhalte des Webinars
Behandelt werden unter anderem:
• Aufbau, Zielsetzung und Anwendungsbereich der VDI 4646
• Begriffe, Formelzeichen und Bewertungsgrößen
• industrielle Wärmequellen und Wärmesenken
• Temperaturniveaus und zeitliche Verfügbarkeit
• Wärmepumpensysteme, Komponenten und Kältemittel
• Grundlagen- und Datenermittlung
• Entwicklung und Vergleich geeigneter Systemkonzepte
• Vorplanung von Großwärmepumpenanlagen
• energetische Bewertung der Koppelprodukte Heizen und Kühlen
• kapital-, betriebs- und bedarfsgebundene Kosten
• Machbarkeitsabschätzung mithilfe des Nomogramms
• Detailbewertung und Entscheidungshilfe
• Bewertung der energiebedarfsbezogenen CO₂-Emissionen
• exemplarische Anwendung der Richtlinie
• Hinweise für Planung, Betrieb und Monitoring
• Grundlagen und Anwendung der Pinch-Analyse
Für wen ist das Webinar geeignet?
Das Webinar richtet sich insbesondere an:
• TGA-Planer und Fachingenieure
• Energieberater
• Anlagenbauer und Systemintegratoren
• Hersteller von Großwärmepumpen und Komponenten
• technische Betreiber und Facility Manager
• Energie- und Nachhaltigkeitsmanager
• Industrieunternehmen mit Prozesswärme- oder Abwärmepotenzialen
• Stadtwerke, Contractoren und Wärmenetzbetreiber
Grundkenntnisse in der Wärme-, Kälte- oder Versorgungstechnik sind notwendig.
Dein Nutzen
Nach dem Webinar kannst du:
• die Struktur und Anforderungen der VDI 4646 einordnen,
• geeignete Wärmequellen und Wärmesenken systematisch erfassen,
• Temperaturniveaus und Lastprofile bewerten,
• erste Anlagenkonzepte entwickeln und vergleichen,
• Wirtschaftlichkeit und CO₂-Emissionen nachvollziehbar bewerten,
• die Eignung einer Großwärmepumpe frühzeitig abschätzen und
• die Pinch-Analyse als Werkzeug für industrielle Wärmekonzepte verstehen (nicht anwenden!)









